Manaus, Amazonas
Meinen Hinflug trat ich alleine an, mit Overlay in Lissabon, um schon mal etwas mit der Sprache warm zu werden. Obwohl ich nur eine Nacht hatte, stimmten mich die wenigen Stunden perfekt auf das ein, was kommen würde. Ich trank und aß mich durch die alten Straßen, bis ich in der Boutique Taberna landete und mich mit dem Team so gut anfreundete, dass wir uns am Ende haschrauchend vor der Tür wiederfanden. Der Besitzer, ein Brasilianer, nannte mich verrückt für meine Pläne Manaus und Belém quasi alleine zu bereisen… Immerhin spreche ich nur Spanisch.
Manaus im Frühling 2025 - Tag 1
Es ist 20 Uhr. Nach einer ewigwährenden Farce, wegen meines deutschen Reisepasses, dessen neueste Version nicht von den brasilianischen Maschinen ausgelesen werden konnte, fand ich mich mit einem deutschen Leidgenossen vor den Türen des Flughafens wieder. Während der geteilten Uber-Fahrt stellte sich heraus, dass er für den SWR in der Region war. In einer kleinen Doku untersuchten sie die Frage warum es keine Brücken über den Amazonas gibt. Leider trafen wir uns nicht wieder im Laufe meiner 3,5 Wochen vor Ort.
Während ich im Hostel Manaus auf Lucas Ankunft wartete, lernte ich Tiegan kennen, eine Kanadierin. Auf der Suche nach etwas zu essen trieb es uns um die Ecke, auf die Avenida Igarapé de Manaus. Dort gibt es einige Bars und Tiendas. An gewissen Tagen ist diese Straße voll gepackt mit jungen Leuten, laute Musik spielt und die gute Laune sprudelt nur so aus den Gästen.
Nach einem kurzen Snack und einem Saft auf der Straße gingen wir zurück ins Hostel. Nach einiger Zeit kam Luca im Hostel an und er lernte Tiegan und die vier Engländer kennen, mit denen ich mich zuvor bekannt gemacht habe.
Luca der alte Hustler hat die Nacht für sein Baby Ecowise durchgearbeitet. Ich genoss derweil meinen Schlaf. Nach einem kurzen morgendlichen Schnack im Hostel ging es raus in die Stadt, Frühstücken & erste Eindrücke bei Tageslicht sammeln.
Die Saftauswahl war enorm! Wir konnten aus 30-40 verschiedenen Kombinationen wählen. Unter anderem enthielten sie Aubergine, Brotfrucht und auch Noni, die wegen ihres Geruchs auch Kotzfrucht genannt wird.
Auf unserer Tour stolperten wir auch über eine kleine Automaten-Spielo und natürlich mussten wir etwas Kleingeld in die fast schon antik anmutenden Maschinen stecken. Leider kamen wir mit leeren Händen aus der Spielstube.
Als nächstes fanden wir uns in einer Bucht nahe der Märkte wieder. Neben den schwimmenden Holzbuden, und geparkten Booten wurde hier viel an Wracks geschraubt und geflext. Sofort fiel uns das größte und meist getaggte Schiff in die Augen und scheinbar wurde auch an Deck dieses Schiffs gearbeitet. Von unserem Interesse geleitet machten wir uns auf den Weg, um den einsamen Herrn etwas zu diesem imposanten Wrack zu befragen.
-3.137932, -60.015106
Vivaldo, der einsame Herr, lud uns ohne Umschweife dazu ein das Schiff zu betreten. An Bord bekamen wir die volle Tour, doch Vorsicht war geboten! Der ungefähr 100 Jahre alte Amazonasdampfer war von Rost zerfressen. Überall befanden sich Löcher, an Wänden, wie im Boden. Ein einziger falscher Schritt hätte schmerzhaft enden können. Vivaldo erzählte uns, dass das Wrack einem Geschäftsmann aus Lima gehört und er es in dessen Auftrag gemeinsam mit knapp 40 Mann restauriert. Luca und ich konnten gar nicht glauben, dass der Metallhaufen überhaupt nochmal auslaufen könnte. Bis zu diesem Moment dachten wir noch, dass hier abgewrackt werden würde. Dass sich jemand diese Arbeit machen würde und die dann auch noch rentabel sein würde, ging nicht in unseren Kopf.
Ganze zwei Stunden später verließen wir das Schiff, allerdings hatten wir uns für den Nachmittag erneut mit Vivaldo verabredet. Diesmal aber für eine Tour durch die Stadt.
Vivaldos Tour startete wieder am selben Schiffswrack, wo wir ihn abholten. Er zog sich schnell um und führte uns im Anschluss über den anliegenden Markt. Neben allerlei frischer Lebensmittel bot die Markthalle eine Ecke mit traditionellen Heilmitteln. Die Banca da Japonesa bietet alles, was man sich nur vorstellen kann. Frische Heilkräuter, Tinkturen, Salben, Kapseln,… ein wahrer Traum für mich.
Im Anschluss zum Marktbesuch luden Luca und ich Vivaldo auf einen Tambaqui de banda ein. Der halbe Fisch kam mit Reis, Farofa und weiteren Beilagen. Für insgesamt knapp 20 Euro kamen wir hier absolut auf unsere Kosten.
Anschließend zur Stärkung führte uns Vivaldo durch einen älteren Stadtteil, am Straßenstrich vorbei, bis wir an einer Aussichtsplattform gelangten. Wir schlenderten über angeschlossenen Steg und genossen die Aussicht über den Rio Negro. Auf dem Rückweg zu Land fiel Luca und mir die angrenzende Polizeistation auf. Vivaldo plauderte etwas aus dem Nähkästchen und erzählte uns von seiner eigenen Vergangenheit als Teil der brasilianischen Navy. Er erwähnte, dass er an anti-Narco Einsätzen nahe der bolivianischen Grenze beteiligt war. Auf Nachfrage Lucas bestätigte er auch, dass es zu tödlichen Zusammenstößen kam, während derer er sich dazu gezwungen sah sich mit Waffengewalt zu verteidigen. Wir vertieften das Thema nicht viel weiter…
Gemeinsam mit den Engländern lies ich den Abend in meiner absoluten Lieblingsbar “Bar do Amando” ausklingen. Hier lässt es sich sehr gut zu Live-Musik eisgekühlte Literflasche brasilianisches Bier genießen. An diesem Ort lernte ich so einige neue Gesichter kennen: Ich lernte einen Staatsanwalt kennen, der kurz zuvor gefeuert wurde und sich mit einem Bier und unserem Gespräch abzukühlen versuchte. Mehrfach wurde ich hier vor den Türen der Bar von beiden Geschlechtern ganz unverblümt angemacht. Und nunja, am Abend unserer Tour mit Vivaldo lernte ich zwei Angestellte der Navy kennen. Sie wollten mit mir und den Engländern trinken. Ich war der einzige, der sie verstand und lud sie infolge dazu ein sich zu setzen. Beide Kollegen waren sichtlich betrunken, weshalb wohl keiner von uns das Folgende als Bedrohung wahrnahm. Doch einer der beiden Brasilianer, Luis, hob nochmal kurz sein Hemd an, bevor er sich hinsetzte. Was zum Vorschein kam war das Holster seiner Pistole. Wir lachten alle, einer wollte die Szene noch einmal für Snapchat rekreieren, doch Luis war sich wohl der möglichen Konsequenzen bewusst und lies es bleiben. Später versuchte er noch unsere Nummern zu klären, was eigentlich quatsch war. Am nächsten Morgen würden er und sein Kumpel nämlich tiefer in den Amazonas verlegt werden, ein Wiedersehen war also nicht angedacht.
Tag 2
Der folgende Tagesplan hat sich aus unseren Gesprächen mit Vivaldo herauskristallisiert. Um kurz nach 10 Uhr morgens fanden Luca und ich uns auf dem Gelände des selben Flughafens wieder, auf dem wir erst zwei Tage zuvor gelandet sind. Doch diesmal würden wir kein Flugticket brauchen. Unser Plan war es ein Auto zu mieten und den Tag mit einem Road Trip zu füllen.
Das Ziel: Presidente Figueiredo. Über den Link erfährst du mehr zu dem Ausflug.
Zurück in Manaus ergab sich dann ganz unverhofft das Abendprogramm. Eigentlich wollten wir nur auf ein Bier raus vors Hostel, in diese Bar-Straße. Genau dort landeten wir auch, nur wurde aus einem Bier ganz schnell mehr :) Wir nippten noch an unserem ersten Bier, da wurden wir schon gleich an den Tisch nebenan eingeladen. Samuela, eine unserer neuen Alt-Girl Freundinnen, ging full frontal und hatte wirklich gar keine Berührungsängste. Wir quatschten und tranken viel, besuchten die Tienda mit dem Jaguar, und flirteten noch etwas mit der einen Bedienung. Ihr sollte ich später noch ein paar mal begegnen. Wie es so ist, wenn man auf einer Welle der Euphorie reitet, ließen wir uns treiben und genossen, wie gut wir doch Anschluss gefunden hatten. Das letzte Video des Abends, wie sich Luca die Zähne putzte, nahm ich noch um 04:54 Uhr auf. Einziger Haken: Wir hatten eine Tour für 8 Uhr morgens gebucht…
Tag 3
Wie zu erwarten waren wir zwei nicht rechtzeitig wach und abfahrtbereit. Statt um 8 startete unser Tag dann doch erst um 12:30 Uhr.
Zum Glück hatten wir die Tour mit Hilfe von Vivaldo gebucht, von daher ging uns nur ein kleiner Betrag Flöten, pro Person circa 15 Euro. Die Engländer hingegen haben die gleiche Tour für teilweise 80 Euro gebucht. Tatsächlich habe sie alle verschieden teure Touren über Get your Guide gebucht, begründet in ihrem starken oder schwachen Interesse. Am Ende des Tages saßen sie alle auf dem gleichen Boot und hatten die gleiche Tour, jedoch mit einem teils eklatanten Preisunterschieden.
Satt der Bootstour verbrachten wir unseren Katertag aktiv auf den Straßen Manaus. Zuerst hatten wir Brunch in einer der klassischen Lancherias der Stadt (Empfehlung!). Nach dem aus Saft, Kaffee und Gebäck bestehendem Snack begaben wir uns frisch gestärkt in die Fußgängerzone. Wir beide wollten dringend unsere Trikotsammlung erweitern und shoppten etwas für ca. 5-10€ pro Stück.
Wir statteten der Banca da Japonesa einen weiteren Besuch ab, diesmal aber um des Shoppens willen. Mit der traditionellen Medizin des Amazonas wollte ich schon immer in Kontakt kommen, heute habe ich sie im Kühlschrank stehen. Zusammen kauften wir Wurzeln, Rinden, Öle,…für knapp 50 Euro ein. Viele der Mittel sollen gegen Krebs, Rheuma, Depression und weitere scherwiegende Krankheiten helfen. Einfach traumhaft, sich an diesem alten traditionellen Wissen bedienen zu dürfen. Daraufhin besuchten wir noch 2-3 weitere Markthallen, aßen Acai und hielten irgendwie die Sonne aus.
Zu Abend besuchten wir das portugiesisch-brasilianisches Restaurant “Calçada Alta” nahe dem historischen Stadtzentrum. Zur Vorspeise teilten wir uns Stockfischbruschetta und eine frittierte Stockfischvariation, die 2012 irgendeinen Food Contest gewonnen hat. Unsere Hauptspeise war ein Fischfilet in Jambú-Soße, leider schon etwas kalt. Trotzdem war sie sooo lecker, dass wir brav aufaßen ohne uns zu beschweren.
Der Abend endete im Hostel, wobei Luca sich noch mal auf die Ausgehmeile wagte (und meine Fomo mich auch nochmal zum Nachkommen zwang). Um 2 Uhr lagen wir dann endgültig im Bett. Immerhin war es der letzte Abend der Engländer…
Tag 4
Dem späten Abend geschuldet begann Tag 4 eher gemächlich. Ich wachte zu einem verregneten, grauen Manaus auf. Schnell bediente ich mich noch am Frühstück, bevor es abgebaut werden würde. Luca lag derweil noch flach.
Teigan war von ihrer Ayahuasca-Erfahrung zurück, also musste ich sie natürlich ausfragen! So lange ich Psychedelika kenne, denke ich über diese Jahrtausende alte Tradition nach. Die kulturelle Bedeutung dieses Gemischs interessiert mich dabei genau so, wie die im Innern ablaufende Biochemie und die Erfahrungen, die sie produziert. Würde es nicht jedem gut stehen, sich selbst und all die angesammelten Erfahrungen und Laster einmal von Außen zu betrachten? Mithilfe eines kurzen Q&A’s schafte es Teigan mir meine Angst und Zweifel vor dem Gottesmolekül zu nehmen. Was sie erzählte klang magisch und tatsächlich sehr gut zu handlen.
Nach unserem kurzen Plausch entschieden wir uns zu dritt auf den Weg in Richtung des Fruchtmarkts zu machen. Dort hatten Luca und ich zuvor ein älteres Verkäuferpaar kennengelernt, die mit Abstand die breiteste und exotischste Auswahl an Früchten für uns bereit hielt. Leider war der Markt kurz vorm Schließen, also statteten wir dem Paar nur einen kurzen Besuch ab, tranken frischen Orangensaft und suchten uns etwas “Frühstück”…
Frühstück
…vom Buffet: Gegrilltes Rind, Bohnen, Salat, Reis, Farofa und rote Zwiebeln / Kosten: ca. 2.50€
Nach der Stärkung gingen wir zurück zum Hostel. Der Kater, die Hitze, das Essen. Wir brauchten eine Pause!
Frisch ausgeruht und mit neuem Elan riefen wir uns ein Uber zum MUSA, dem Museo da Amazônia. Gegen 14 Uhr trafen wir am Museum ein. Hier lässt es sich auf verschieden langen Spazierwegen durch den Regenwald laufen. Das Interessante am MUSA ist, dass es sich am äußeren Rand der Stadt befindet, dort wo das ewige Gün auf den grauen Beton der Millionenstadt trifft.
Der Ausblick von der 42 Meter hohen Aussichtsplattform
Neben den Rundgängen kann man hier über die Baumkronen hinaus wachsen, wenn man sich denn auf die Aussichtsplattform traut. Entlang der Wanderwege finden sich noch viele Infotafeln, Reptilien- und Schlangenhäuser. Wer sich weder mit der Höhe, noch dem Getier anfreunden kann, findet im Wald selbst genug Gründe um zu staunen. So gibt es einen kleinen See mit riesigen Seerosen, man kann sich ein Blickduell mit den größten Fischarten des Amazonas liefern, oder einfach die Ruhe des Waldes genießen.
Nach unserer Rückkehr am Hostel verabredeten wir uns noch mit Fernanda zum Baden am Praia Punta Negra. Leider waren wir etwas spät dran, sodass wir im strömenden Regen aus dem Uber stiegen. Zu dem Moment war es bereits Abend und die Sonne hatte uns verlassen. Also suchten wir uns einen der massiven Schirme am Strand. Die waren augenscheinlich nicht nur zum Sonnenschutz platziert, denn sie machten sich ebenso gut als Regenschutz. Halbwegs vorm Regen geschützt, rollte uns Fernanda einen Puren (was sie dort in der Regel, wie in Kolumbien, alle machen!). Vor dem Hintergrund einer Blitz-Kulisse war uns dann auch leider nicht mehr nach Baden, auch wenn es irgendwie was hatte.
Tag 5
An unserem fünften gemeinsamen Tag, der auch gleichzeitig der Letzte dieser Art sein sollte, holten Luca und ich die Amazonas-Tagestour nach, die wir kurz zuvor aus Katergründen verpasst hatten…
Mehr zu unserer Tour und wo genau wir zu dem Schnäppchen kamen hier.
Nach der Tour war ich zum Date verabredet. Also ging ich mit Teigan, Luca und Fernanda zum legendären Tambaqui de Banda Spot im alten Stadtzentrum. Hier ums Eck war ich verabredet, vorher wollten wir aber noch gemeinsam was essen. Als es dann Zeit wurde, verließ ich die drei und ging zwei Restaurants weiter, wo ich mit Ana verabredet war. Ich ging durch die gläserne Eingangstür und WOW, da stand sie auch schon und sah umwerfend aus! Bisher hatten wir nur etwas auf Englisch hin und her geschrieben und ich war fest davon überzeugt, dass sie es beherrschte. Als ich versuchte ihr zu sagen, wie atemberaubend schön sie aussah, bekam ich nur einen fragenden Gesichtsausdruck als Antwort. Hahahaha peinlich berührt wurden wir zu einem Tisch geführt. Am Tisch angekommen war ich immer noch total perplex! Beim Chatten hatte sie wohl einen Übersetzer genutzt, allerdings einen ziemlich guten, denn alle vorherigen Nachrichten waren so natürlich formuliert. Wir waren einer klassischen Patt-Situation ausgeliefert: Ich spreche Deutsch, Englisch, Spanisch und nur einzelne Wörter Portugiesisch, während Ana Portugiesisch spricht und nur fetzenweise Spanisch versteht. Wir verständigten uns mit Händen und Füßen, dass wir eigentlich gar keinen Hunger hatten (vermutlich der Nervosität geschuldet) und bewegten unsere lazy asses rüber in die nächstliegende Bar. Kaum angekommen switchten wir zu Margaritas und nonverbaler Kommunikation.
Gott verdammt war das eine wilde Nacht, unvergleichlich! Wir ließen uns durch die Straßen treiben, als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen. Dieses Gefühl der Freiheit und der Unbeschwertheit. Diese Spontanität und abenteuerlustige Naivität. Das ist es, was Reisen ausmacht. Einfach mit dem Flow gehen und offen für jede Verrücktheit zu sein.
Ich denke heute noch an Ana und die unbeschwerten Tage, die wir noch gemeinsam verbringen sollten. Eine tolle Frau! Während ich das schreibe befindet sie sich im Zulassungsverfahren für Staatsanwälte, außerdem leitet sie eine NGO, die indigene Frauen im Amazonas unterstützt. Ich finde das so toll, wirklich!
Tag 6
Tag sechs sollte für mich und Ana um 5 Uhr morgens im Hotel starten. Ich wurde durch sie und ihr Handy wach. Noch etwas verballert von den Margaritas dauerte es bei mir einen Moment bis ich die Situation verstanden hatte. Ana musste zu ihrem Praktikum in einer Anwaltskanzlei, davor wollte sie aber noch nach hause um sich frisch zu machen. Was eine Hustlermentalität! Ich zog mich auch an, warum sollte ich auch nur eine weitere Minute in diesem Last-Minute Ranz-Hotel verbringen?
Zurück im Hostel habe ich mich noch mal aufs Ohr gelegt, wobei Luca irgendwann gegen sechs damit anfing sein Zeug zu packen, denn für ihn stand leider schon die Rückreise an. Noch völligst übermüdet und im Halbschlaf verabschiedete ich mich von Luca und nahm sein Abschiedsgeschenk, einen halben Joint, entgegen. Das nenne ich mal Brotherhood hahah.
Als ich etwas ausgeschlafen war, sammelte ich mich auf der Hostelcouch. Für mich galt es die kommenden drei Wochen zu planen. Auf der Liste standen verschiedene Ideen und Optionen. Eigentlich wollten Luca und ich gemeinsam ein paar Nächte im Regenwald verbringen. Für mich war das ein absolutes Muss, weshalb ich die Option buchte, die von meinem Hostel angeboten wurde. Außerdem wollte ich ursprünglich mit dem Cargoschiff den Amazonas bis Belém hinabtuckern. Zusätzlich war ich noch zu Ana nach Hause eingeladen - sie und ihre Geschwister hatten sturmfrei. Das Alles in einer entspannten Art und Weise in die verbleibenden drei Wochen zu stopfen wäre unbefriedigend gewesen. Also plante ich wie folgt: Zuerst sollte ich bis Freitag in den Dschungel fahren, also immerhin drei Nächte in Antonios Jungle Lodge verbringen.
Nach dem Dschungelaufenthalt würde ich dann noch ein paar weitere Tage in Manaus verbringen. Wie erwähnt, wurde ich zu Ana nach Hause eingeladen. Aber es sollte auch noch eine Party auf dem Rio Negro auf mich warten, zu der ich von Gabriela eingeladen wurde. Sie sollte ich noch im Laufe des Tages kennenlernen. Letztendlich konnte ich die Tage nur so entspannt angehen, weil mich dazu entschied die Reise mit dem Cargoschiff auf unbestimmt zu verschieben. Im Idealfall möchte ich so eine Tour ohnehin am liebsten von Yurimaguas, Peru bis nach Belém in Brasilien durchziehen. Yurimaguas ist mein alter Nemesis: von hier aus wollten Luca, Liam und ich schon 2019 nach Iquitos tuckern, doch sind kläglich gescheitert. Außerdem hab ich mir dort Dengue eingefahren. GRRRR
Bis zu meinem Flug nach Belém sollten mir nach meinem neu gefassten Plan also noch 10 Tage in Manaus zur Verfügung stehen, in Belém noch acht Weitere.
Nachdem die Planungen abgeschlossen waren, ging ich raus auf die Straße. Der Hunger trieb mich. Bei meinem Spaziergang stieß ich auf ein für mich neues Streetfood:
Mingao de Banana
Ein von Zimtnoten dominierter und mit Kondensmilch und Tapiokastärke angerührter Bananenbrei.
Letztendlich handelt es sich um einen warmen Bananenbrei, der ähnlich wie Milchreis zubereitet wird. Sehr lecker! Da das aber keine wirkliche Mahlzeit darstellt…nunja, es trieb mich wiedermals zur Bar do Amando. Hier bestellte ich mir ein eiskaltes Patagonia in der klassischen 750ml Flasche. Dazu gab es ein Perníl-Sandwich, das mit Limette angereicht wurde und ein paar tater tots aus Maniok. wirklich sehr sehr gut! Während ich das gute Wetter und meine Verpflegung genoss, freundete ich mich mit einem Straßenhändler an, der ursprünglich aus Kolumbien kommt. Endlich konnte ich mich mal wieder auf Spanisch unterhalten! Es ging um seinen Werdegang, wie seit Jahren als reisender Verkäufer durch Südamerika tourt. Er schien die Freiheit, trotz des alltäglichen Struggles zu lieben. Im gefiel, wie ich über sein Heimatland redete. Nicht viele Menschen in Kolumbien wüssten ihre Natur so zu schätzen. Ich kaufte ihm noch zwei Armbänder ab und gab ihm ein kleines Trinkgeld.
Wenig später, ich befinde mich noch immer in der Bar von Armando, sprach mich ein Manauara an. Er lief total steif, als wir uns für eine Kippe auf die Straße bewegten. Es stellte sich heraus, dass seine Frau eine Hamburgerin ist und, dass er als Anwalt der Stadt Manaus arbeitete. “Arbeitete”, weil er kurz vor unserem Treffen von der Frau des Bürgermeisters gefeuert wurde. Der Herr war etwas aufgebracht und wirkte gestresst. Beim gemeinsamen Bier meinte er nur zu mir, dass die Frau wohl so ihre Launen hätte und er am nächsten Tag wahrscheinlich wieder an gleicher Position eingesetzt werden würde. Diese Situation war bizarr. Mit ein paar Zigaretten und einem Bier holte er seinen Puls wieder etwas herunter.
Draußen sitzend, die Sonne am genießen, die Malariaprophylaxe am poppen wurde ich gleich zwei mal im Vorbeigehen angeflirtet. Die Gruppe junger Männer suchte den Augenkontakt, um mir dann zuzuzwinkern und zu winken. Dafür liebe ich Brasilien einfach! Ein Himmel für alle Schüchternen, die es eigentlich nicht sein wollen.
Wenig später war ich dann zum Date mit Gabriela verabredet. Es gab Caipis im Stadtzentrum während wir ein paar ungezwungene Unterhaltungen genossen. Eigentlich wollten wir noch im Gemeinschaftsbereich des Hostels abhängen, aber leider ist das Gästen nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit erlaubt. Also ging es für uns wieder mal auf die Barstraße, wo wir den Abend ausklingen ließen. Sie lud mich noch zur Party auf einem Flutuante ein, gab mir etwas zu rauchen, wir küssten uns und warteten auf ihr Uber.
Tag 7 bis 9
Diese Tage verbrachte ich etwas tiefer im Dschungel, weit weg von der Zivilisation. Mehr darüber gibt’s hier!
Als ich an Tag neun zurück nach Manaus kehrte, plagten mich mal wieder Geldprobleme - ein wahrer Klassiker auf meinen Reisen. Zum Glück traf ich Ludwig, jemand aus der Berliner Start-Up Branche, der seinen Lebensweg sehr stark zu überdenken schien. Shoutouts an Ludwig, er lud mich zum Abendessen ein <3 Wir verbrachten einen netten Abend zusammen, bis sich unsere Wege wieder trennten.
Es gab Tacacá, eine Spezialität Beléms, die ich in den kommenden Tagen noch öfter essen würde.
Tag 10
Nach meiner Rückkehr aus dem Dschungel gab es eigentlich nur noch ein paar wenige Highlights, die ich für die verbleibenden 7 Tage geplant hatte.
Meinen 10. Tag in Manaus verbrachte ich mit Gabriela in der Innenstadt. Wir tranken einen Michelada in der Sonne und verbrachten etwas Zeit in der Kulturbegegnungsstätte Centro Cultural Casarão de Ideias. Dieses Projekt liefert eine Vielzahl an Möglichkeiten. Es beheimatet ein Kino, eine Café samt Bücherecke, eine kleine Ausstellung und eine Rooftop-Bar. Dort ist es sehr verspielt und man kann sich in vielen kleinen Details verlieren. Außerdem bieten sie in zwei kleinen Shops handgefertigte Souvenirs, Kunst und faire, lokal designt & produzierte Kleidung an!
Tag 11
Tags darauf nahm mich Gabriela gemeinsam mit ihren zwei Freundinnen mit auf ein Flutuante. Irgendeiner ihrer Freunde hatte Geburtstag und hatte zur Feier auf dem Rio Negro eingeladen. Bisher konnte ich mir nicht wirklich ausmahlen, wie so eine Party aussehen würde. Als wir am Flussufer ankamen, konnte ich schon recht gut erkennen, auf was das Abenteuer hinauslaufen würde. Überall in der Umgebung trieben Holzplattformen, teils zweistöckig, auf denen Leute zum dröhnenden Bass ihrer Funk-Playlists tanzten.
Trotz unvorhersehbarem Amazonasregen hatten wir eine Menge Spaß! Wir aßen gut, tranken gut und planschten etwas im dunklen Flusswasser.
Von Gabriela und ihren Freundinnen lernte ich noch übers Festival de Parintins: Während des Junis hüllt sich die gesamte Stadt in die Farben ihres Bullens. Es stehen sich jedes Jahr gegenüber: der rote und der blaue Ochse. In einer spektakulären Show im “Bumbódromo” überbieten sich die Tänzer und Choreographen im Kampf um den diesjährigen Sieg. Während des Carnevals in Rio werden die Wagenbauer der farbenfrohen Showwagen im Amazonas in die Millionenmetropole ausgeliehen, wo sie mit ihrem unvergleichlichen Handwerk die Menschen begeistern.
Tag 12
Der Tag startete mit der Erkenntnis, dass meine Kreditkarte immer noch nicht wieder zurückgesetzt wurde…es war der 31. und viel weiter stretchen hätte ich mein Geld auch nicht mehr können. Der 4. Tag ohne Karte brach an und ich hatte 23 Reals auf der Tasche. Circa 4 Euro.
Also tat ich, was man in solch einer Situation am ehesten tun sollte: Ich streunerte durch verschiedene Teile der Altstadt, auf der Suche nach historischen Gebäuden und kostenlosen Museen.
Währenddessen fütterte ich mich mit etwas Streetfood durch, solange es eben ging. Abends sollte mich Gabriela zum Abschluss zu ihrem Lieblingssushi ausführen. Immerhin konnte ich ihr am Folgetag meinen Anteil zurückzahlen!
Tag 13
Der Tag gestaltete sich entspannt. Ich aß in einer klassischen Lancheria, besuchte noch ein letztes Mal den Obstmarkt und besuchte Fernanda auf dem Campus Ihrer Uni UFAM.
Tag 14
Dieser Tag sollte mein letzter im Hostel sein. Dementsprechend verbrachte ich einige Zeit mit Planungen und dem Packen meiner Sachen.
Ana hatte mich für zwei Nächte zu sich nach Hause eingeladen. Von dort aus sollte es dann später weiter nach Belém gehen. Ich musste also noch einen guten Flug finden und meine Unterkunft im Nordosten Brasiliens klarmachen. Da ich nun doch mehr Zeit in Manaus verbracht hatte, als es ursprünglich eingeplant war, musste ich aufs Flugzeug zurückgreifen, statt, wie ursprünglich geplant mit dem Cargoschiff den Amazonas hinabzufahren.
Abends lernte ich noch Daniel aus Chiapas kennen. Er würde die Route mit dem Boot einen Tag später auf sich nehmen. Wir tranken 1-2 Bier, tauschten uns aus und verabschiedete mich gegen 9 Uhr. Ich hatte mir ein Uber zu Ana gerufen.
Zu meinem Unglück gab es auf dem Weg zu ihrem Haus einen Stadtweiten Stromausfall. Zusätzlich dazu, hatte ich mich zu Beginn der Reise dazu entschieden ohne Simkarte zu reisen. Als mein Fahrer und ich dann an der vermeintlich richtigen Adresse ankamen, tat sich auf mein Klingeln nichts. Erst einen Moment später realisierte ich, dass der Klingel ja auch der Strom fehlen würde. Da mir die Gegend unbekannt war, sie nahe dem Industriegebiet lag und es stockdunkel war, ohne Aussicht auf Veränderung, stieg ich wieder ein und versuchte mein Glück in der Konversation mit dem Fahrer. Ich war zu dem Moment wirklich stark verunsichert und hatte Angst, er würde mich vor lauter Ungeduld einfach auf der Straße stehen lassen. Der Mann war aber glücklicherweise super hilfsbereit, sodass wir es schafften bei Ana anzurufen, die und in die Parallelstraße lotste.
Im Kerzenschein lernte ich dann ihre Geschwister und deren Partner kennen. Sie versuchten wie Verrückte den Gasofen mit einem Streichholz anzubekommen…Irgendwann kam der Strom zurück und erlöste sie.
Tag 15 & 16
Es passierte nicht viel. Während Ana in der Uni war, verbrachte ich etwas Zeit mit ihren Geschwistern, lernte das Grundstück kennen und machte einen kurzen Ausflug in die Stadt. Dort trafen wir Ana an einem Café, von wo wir uns ab nach Hause machten.
Es war die Zeit für den Abschied gekommen. Ich wäre gerne noch etwas länger geblieben, nur hätte ich dann nichts mehr Neues gesehen. Da ist der Hang zum Abenteuer doch zu groß… Die Tage nach der Dschungeltour waren schön, sie waren herzerwärmend, doch es hätte kein Dauerzustand, bis zum Ende der Reise, werden können.
Ana begleitete mich Morgens zum Flughafen und es flossen ein paar Krokodilstränen. Der Abschied fiel schwer…Haben wir uns doch trotz, oder vielleicht gerade wegen der großen Sprachbarrieren so unglaublich gut verstanden. Es tat definitiv weh sie zu verlassen :(
Hier ein Kurzvideo zu Manaus auf meinem Instagram.